Asepsis bei Kastrations- und Sterilisationseingriffen
Erfahren Sie alles über Asepsis bei Kastrations- und Sterilisationseingriffen für sichere und erfolgreiche Operationen.
Dieser Inhalt ist für tiermedizinische Fachkräfte zu Bildungszwecken bestimmt. Er ersetzt weder das klinische Urteilsvermögen noch eine maßgeschneiderte Beratung. Verlassen Sie sich stets auf Ihre Ausbildung, Ihr Fachwissen und den spezifischen Kontext Ihrer Patienten.

Die Kastrations- und Sterilisationschirurgie ist die chirurgische Kategorie mit dem höchsten Volumen in der Kleintierpraxis. In den meisten Praxen werden diese Eingriffe mehrmals täglich durchgeführt. Die Kombination aus hohem Volumen, relativ kurzen Eingriffen und der Wahrnehmung als Routine kann im Laufe der Zeit die aseptischen Standards beeinträchtigen.
Die SSI-Raten nach elektiver Kastration und Sterilisation bei gesunden Patienten liegen bei korrekter Anwendung der Asepsis zwischen 1 und 5 %. Höhere Raten in einer Praxis deuten typischerweise auf systematische Lücken in der Asepsis hin und nicht auf patientenbezogene Risiken.
Was hier behandelt wird: Das vollständige perioperative Asepsisprotokoll für Ovariohysterektomie und Kastration bei Hunden und Katzen, einschließlich präoperativer Vorbereitung, intraoperativer Technik, MRSP-Aspekten und Ausrichtung an der antimikrobiellen Stewardship.Geltungsbereich: Gilt für elektive Kastration/Sterilisation bei gesunden Patienten, einschließlich Hochvolumen-Klinikumgebungen. Modifizierte Protokolle für Hochrisikopatienten (gleichzeitige Infektion, retrovirale Erkrankung, Immunsuppression) werden erwähnt.Klinische Relevanz: Hochvolumen-Eingriffe sind die risikoreichsten Settings für die Normalisierung der Asepsis: die schrittweise, unbemerkte Lockerung der Standards, die auftritt, wenn Eingriffe als Routine empfunden werden. Checklisten und regelmäßige Audits wirken diesem Risiko entgegen.
Wichtige Erkenntnisse
- Saubere Wundklasse (elektiv, gesunder Patient): erwartete SSI-Rate 1 bis 5 % bei korrekter Asepsis.
- MRSP stellt auch bei Kastrations-/Sterilisationspatienten ein Risiko dar; Trägerquote bei Hunden ca. 4,4 %.
- Asepsis-Normalisierung ist ein reales Risiko in Hochvolumen-Settings; Checklisten wirken dem entgegen.
- Antimikrobielle Prophylaxe ist bei sauberer Kastration/Sterilisation gesunder Patienten nicht routinemäßig indiziert.
- Unmittelbares präoperatives Scheren ist erforderlich; Scheren am Vorabend erhöht das SSI-Risiko.
- Postoperatives Lecken ist die häufigste Ursache für SSI bei Kastrations-/Sterilisationspatienten.
Wundklassifikation und SSI-Risiko
Elektive Kastration und Sterilisation bei gesunden Patienten ist ein Eingriff der Klasse I (sauber):
- Keine Entzündung vorhanden
- Keine Körperhöhlen unter unkontrollierten Bedingungen eröffnet
- Elektiv, nicht dringend
- Primärer Wundverschluss erwartet
Erwartete SSI-Rate für Klasse-I-Eingriffe: 1 bis 5 % bei veterinärmedizinischen Patienten.
SSI-Raten, die diese Werte bei Kastrations-/Sterilisationsfällen in einer Praxis überschreiten, spiegeln typischerweise wider:
- Asepsis-Normalisierung (schrittweise Abnahme der Compliance bei Hochvolumen-Eingriffen)
- Postoperativer Zugang zum Lecken
- Patientenbezogene Risikofaktoren (gleichzeitige Hauterkrankung, MRSP-Kolonisation, Immunsuppression)
Patientenvorbereitung
Scheren
Zeitpunkt: Unmittelbar vor dem Eingriff. Nicht am Vorabend scheren. Die Rekolonisation der geschorenen Stelle beginnt innerhalb von Stunden; Scheren am Vorabend ermöglicht eine signifikante bakterielle Neubildung.
Bereich:
Hunde - Ovariohysterektomie (Mittellinie):
- Scheren vom mittleren Brustbein bis zur Schamgegend
- Lateral bis zur Mitte der Flanke beidseitig
- Ventraler Rand der Vulva im Präparationsbereich einschließen
Hunde - Kastration:
- Scheren von Hodensack und Präputium; anterior bis zur Leistenregion erweitern
- Unterhalb der geplanten Skrotalinzision scheren
Katzen - Ovariohysterektomie (Flankenansatz):
- Relevante Flanke vom letzten Rippenbogen bis zum Hinterbein scheren; großzügige dorsale und ventrale Ränder
- Hinweis: Flankenansatz ist bei Katzen üblich; Mittellinie wird ebenfalls verwendet
Katzen - Ovariohysterektomie (Mittellinie):
- Scheren vom mittleren Brustbein bis zur Schamgegend; lateral bis zu den Flanken erweitern
Katzen - Kastration:
- Scheren des Hodensacks; Erweiterung in den Perinealbereich
Hautantisepsis
Standardmäßige dreifache zentrifugale Schrubbroutine.
Antiseptikum: CHG-Alkohol-Kombination bevorzugt für die meisten Kastrations-/Sterilisationsbereiche. PVI für periokulare oder ohrkanalnahe Bereiche.
Katzen-spezifische Überlegungen: 2 % CHG-Alkohol-Kombination ist geeignet. Sicherstellen, dass CHG nicht mit den Gehörgängen in Kontakt kommt. Postoperativer E-Kragen zur Verhinderung von Lecken und Putzen der CHG-behandelten Fläche.
Anwendung: Zentrifugale Richtung während der gesamten Anwendung (vom Inzisionszentrum zur Peripherie; niemals umkehren). Mindestens drei Durchgänge mit frager Gaze pro Durchgang. Einhaltung der Einwirkzeit (mindestens 2 Minuten bei CHG-Alkohol). Vollständige Verdunstung vor dem Abdecken.
Vorbereitung des OP-Teams
Standardmäßige chirurgische Händedesinfektion gilt:
- Vollständiges chirurgisches Schrubben (mindestens 3 Minuten beim ersten Fall des Tages) oder validierte Anwendung von ABHR
- Steriler Kittel und Handschuhe
- Chirurgische Haube und Maske
Hochvolumen-Settings: Jeder Fall erfordert frische chirurgische Vorbereitung. Die Verwendung desselben Kittels über mehrere aufeinanderfolgende Kastrations-/Sterilisationsfälle ohne erneute Sterilisation oder Austausch entspricht nicht dem Standard der sterilen Technik und ist ein häufiger Fehler der Asepsis-Normalisierung.
Intraoperative Asepsis
Aufrechterhaltung des sterilen Feldes
Standardprinzipien des sterilen Feldes gelten:
- Sterile Abdeckungen isolieren die Operationsstelle
- Sterile Instrumente werden durchgehend verwendet
- Jedes Instrument, das herunterfällt oder eine nicht sterile Oberfläche berührt, wird entfernt und ersetzt
- Nicht sterile Personen berühren das sterile Feld nicht
Abdeckung bei Kastration/Sterilisation:
Bei abdominaler Kastration (Hunde und Katzen): Vier-Ecken-Abdeckung oder ein einzelnes fenestriertes Tuch. Bei skrotaler Kastration bei Katzen: Handtuchabdeckung um den Skrotalbereich, der Rest des Perineums wird ausgeschlossen.
Instrumente
Instrumentensets für Kastration/Sterilisation müssen vor jedem Gebrauch als steril bestätigt werden (chemischer Indikator geprüft, Packungsintegrität verifiziert, Ablaufdatum bestätigt).
Hochvolumen-Settings: Einzelne Sets pro Patient. Das Teilen von Instrumenten zwischen Patienten während einer Mehrfachfall-Session, selbst mit Spülung zwischen den Patienten, entspricht nicht dem Sterilisationsstandard.
Gewebemanipulation
Schonende, atraumatische Gewebebehandlung gilt unabhängig von der wahrgenommenen Einfachheit des Eingriffs. Übermäßige Gewebetrauma erhöht die lokale Entzündungsreaktion und führt zu devitalisiertem Gewebe, was das SSI-Risiko erhöht.
Für den intraoperativen Technikrahmen, der die Aufrechterhaltung des sterilen Feldes, den Instrumentenumgang und das Vorgehen bei Unterbrechungen während Kastrations-/Sterilisationsverfahren regelt:
Für die grundlegende aseptische Technik für den Eingriff, einschließlich der intraoperativen Regeln für das sterile Feld und die Instrumentenhandhabung, die bei Kastration/Sterilisation wie bei allen chirurgischen Eingriffen gelten, behandelt dieser Leitfaden den Technikrahmen.
Kastration und Sterilisation sind Weichteiloperationen und teilen die gleiche Wundklassifikation und Risikostratifizierung wie andere Weichteiloperationen bei Hunden und Katzen. Für Weichteilasepsis bei Kastration/Sterilisation, einschließlich der Wundklassifikationstabelle, Patientenrisikofaktoren, Prophylaxentscheidungsrahmen und GI-Eintrittsprotokollen, die für alle Weichteiloperationen bei Hunden gelten, behandelt dieser Leitfaden den vollständigen Kontext der Weichteilasepsis.
MRSP und Kastration/Sterilisation
Die MRSP-Kolonisation ist für das SSI-Risiko bei Kastration/Sterilisation relevant wie bei allen chirurgischen Eingriffen bei Hunden. Die etwa 4,4 % Trägerquote bei Hunden bedeutet, dass etwa 1 von 22 Kastrations-/Sterilisationspatienten MRSP-positiv auf der Haut sein kann.
Die standardmäßige CHG-Alkohol-Hautantisepsis reduziert die MRSP-Oberflächenlast vor der Inzision signifikant. Die Studie von BMC Veterinary Research (2018) fand keine MRSP in postantiseptischen Proben von Hunden, die mit CHG- oder PVI-Protokollen vorbereitet wurden, was darauf hindeutet, dass korrekte Antiseptik die MRSP-Oberfläche vor der Operation effektiv adressiert.
Für MRSP-positive Hunde, die präoperativ identifiziert werden, sind verstärkte Hautantisepsis, Überlegung einer intraoperativen Spülung und engmaschige postoperative Überwachung angemessen.
Für die Verhinderung von postoperativem MRSP durch Asepsis, einschließlich der MRSP-Epidemiologie relevant für Kastrations-/Sterilisationspatienten und der aseptischen Präventionsstrategie, behandelt dieser Leitfaden die MRSP-Prävention.
Antimikrobielle Prophylaxe bei Kastration/Sterilisation
Standardempfehlung
Antimikrobielle Prophylaxe ist bei elektiver Kastration/Sterilisation gesunder Hunde und Katzen mit Wunden der Klasse I (sauber) nicht routinemäßig indiziert. Die korrekte Anwendung der Standard-Asepsis hält die SSI-Raten im erwarteten Bereich von 1 bis 5 % ohne Prophylaxe.
Diese Position entspricht:
- Aktuellen veterinärmedizinischen Leitlinien zur antimikrobiellen Stewardship
- Leitlinien zur Verhinderung chirurgischer Infektionen beim Menschen für saubere Eingriffe
- Dem Nachweis, dass Prophylaxe bei sauberen Eingriffen bei gesunden Patienten keine signifikante SSI-Reduktion bewirkt
Wann Prophylaxe indiziert ist
Prophylaxe ist angemessen bei:
- Gleichzeitiger Infektion an anderer Stelle (Zahnerkrankung, Hautinfektion, Harnwegsinfektion)
- Pyometra oder anderer vorbestehender Infektion des Reproduktionstrakts (Wundklassifikation ändert sich von Klasse I)
- Immunsuppression (retrovirale Erkrankung bei Katzen, Hyperadrenokortizismus bei Hunden)
- Erwartete Eingriffsdauer deutlich über 90 Minuten
Bei Indikation: Cefazolin IV innerhalb von 60 Minuten vor Inzision; Absetzen innerhalb von 24 Stunden postoperativ.
Für Hautantisepsis vor Kastration/Sterilisation bei Hunden, einschließlich der detaillierten zentrifugalen Schrubtechnik und Auswahl des Antiseptikums für die Vorbereitung bei Hunden, behandelt dieser Leitfaden das Protokoll zur Hautvorbereitung bei Hunden.
Die Hautantisepsis bei Katzen folgt der gleichen zentrifugalen Technik, erfordert jedoch Beachtung der CHG-Verdünnungssicherheitsgrenzen und des Risikos postoperativen Leckens von Restantiseptikum von zugänglichen Hautflächen. Die 2 % CHG-Alkohol-Kombination ist für Katzen in dieser Konzentration geeignet; höhere Konzentrationen sollten nicht in der Nähe der Gehörgänge oder Wundkontaktflächen angewendet werden.
Für Hautantisepsis vor Kastration/Sterilisation bei Katzen, einschließlich katzenspezifischer Einschränkungen bei Antiseptika und Verdünnungsanforderungen für die Vorbereitung bei Katzen, behandelt dieser Leitfaden das Protokoll zur Hautvorbereitung bei Katzen.
Postoperative Asepsis: Verhinderung von Lecken
Postoperatives Lecken ist die häufigste vermeidbare Ursache für SSI bei Kastrations-/Sterilisationspatienten.
Anforderungen an den E-Kragen:
- Er muss angepasst und angelegt werden, bevor der Patient aus der Anästhesie erwacht
- Er muss 5 cm über die Nasenspitze hinausreichen (kürzere Krägen erlauben den meisten Katzen und vielen Hunden Zugang zur Wunde)
- Er muss jederzeit getragen werden, bis der Tierarzt bei der Nachkontrolle eine ausreichende Heilung bestätigt
Erholungsanzug:
Ein gut sitzender Erholungsanzug kann den E-Kragen bei Rumpf- und Bauchinzisionen ersetzen oder ergänzen. Es muss sichergestellt sein, dass der Anzug den Zugang zur Inzision verhindert.
Aufklärung der Besitzer:
Die Compliance der Besitzer bei der Verwendung des E-Kragens ist häufig unzureichend. Direkte Kommunikation, dass bereits eine einzige Lecksitzung genügend Bakterien einbringen kann, um eine SSI zu verursachen, und dass das Risiko in den ersten 48 bis 72 Stunden am höchsten ist, verbessert die Compliance.
Asepsisüberlegungen in Hochvolumen-Kliniken
Hochvolumen-Kastrations-/Sterilisationskliniken (Tierheime, Gutscheinprogramme, MASH-Kliniken) führen Eingriffe in einem Tempo durch, das spezifische Asepsisrisiken schafft:
Zeitdruck und Asepsis-Normalisierung:
Wenn derselbe Eingriff 10 bis 20 Mal pro Tag durchgeführt wird, können Schritte, die als nicht unmittelbar folgenschwer wahrgenommen werden, informell abgekürzt werden. Häufige Beispiele für Normalisierung:
- Verkürzung der Schrubbdauer bei nachfolgenden Fällen
- Wiederverwendung von Kitteln über mehrere Fälle
- Überspringen des Scherzeitpunktprotokolls (Scheren vor der Sitzung, nicht unmittelbar vor jedem Fall)
Diese Abkürzungen erscheinen einzeln geringfügig. Kumulativ führen sie zu SSI-Raten über dem erwarteten Bereich.
Struktur, die der Normalisierung entgegenwirkt:
- Schriftliches Protokoll für jeden Verfahrensschritt
- Designierte Checkliste zum Beginn jedes Falls
- Periodische Kompetenzbeobachtung auch bei erfahrenen Hochvolumenteams
Häufig gestellte Fragen
Sollten alle Katzen und Hunde vor Kastration/Sterilisation auf MRSP getestet werden?
Ein universelles präoperatives MRSP-Screening für routinemäßige Kastration/Sterilisation bei gesunden Patienten ist derzeit nicht Standard. Das Screening ist am wertvollsten bei Patienten mit bekannten Risikofaktoren (früher MRSP-positiv, chronische Hauterkrankung, kürzliche Antibiotikagabe). Die korrekte Hautantisepsis-Technik adressiert MRSP auf der Oberfläche in den meisten Fällen unabhängig vom Trägerstatus effektiv.
Ist Scheren am Vorabend in Hochvolumen-Settings akzeptabel, um Zeit zu sparen?
Nein. Scheren am Vorabend ist mit höheren SSI-Raten verbunden als unmittelbares präoperatives Scheren in allen chirurgischen Kategorien und ist unabhängig vom Arbeitsablaufdruck nicht akzeptabel. Das Intervall zwischen Scheren und Inzision sollte so kurz wie möglich sein. Die Arbeitsplanung sollte so angepasst werden, dass unmittelbares präoperatives Scheren möglich ist, nicht umgekehrt.
Können Kastrations-/Sterilisationsinstrumente zwischen Patienten in derselben Sitzung ohne erneute Sterilisation gereinigt und wiederverwendet werden?
Nein. Die Wiederverwendung von Instrumenten zwischen Patienten ohne erneute Sterilisation entspricht nicht dem Standard der sterilen Technik. Jeder Patient benötigt frische sterile Instrumente. In Hochvolumen-Settings müssen ausreichend Instrumentensets im Voraus vorbereitet werden, um alle Fälle einer Sitzung abzudecken.
Kastration und Sterilisation sind die am häufigsten durchgeführten Operationen in der veterinärmedizinischen Praxis. Gerade diese Häufigkeit ist das stärkste Argument für die Aufrechterhaltung rigoroser Asepsis. Die Eingriffe, die als Routine empfunden werden, sind die, bei denen Standards erodieren. Die SSI beim 15. Patienten des Tages ist ebenso bedeutsam wie die SSI beim ersten Patienten.
Ressourcen
Die folgenden Quellen wurden als Referenz und Hintergrund für diesen Artikel verwendet:
- NIH/PMC. Skin asepsis protocols in dogs: chlorhexidine-alcohol versus povidone-iodine.ncbi.nlm.nih.gov
- ATDove. Surgical Site Infection.atdove.org
- ASPCA Pro. Sterile Surgical Techniques.aspcapro.org
- The Veterinary Nurse. Surgical site infections: preparation, technique and perioperative prevention.theveterinarynurse.com
- Veterian Key. Principles of Surgical Asepsis.veteriankey.com
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